Gefährliche Mundkeime

Mundkeime gefährden den ganzen Körper

Foto: © Dr. Karl Herrmann / Pixelio

Mundkeime lieben es feuchtwarm. Bei Temperaturen zwischen 32 und 37 Grad Celsius fühlen sie sich in der Mundhöhle außerordentlich wohl.

Werden sie nicht durch regelmäßiges und gründliches Zähneputzen und andere Mundhygiene-Maßnahmen eingedämmt, überschwemmen sie das Zahnfleisch, nagen am Zahnschmelz oder bombardieren mit Säuren und giftigen Stoffwechselprodukten den Zahnhalteapparat, was zur Parodontitis führen kann.

Wandert die Zunge morgens nach dem Aufstehen über die Zähne, spüren wir es sofort: Unser Mundraum ist lebendig. Kleinste Mikroorganismen wie z. B. Bakterien, Geißeltierchen oder sogar Amöben und Pilze wuseln dort herum. Da Karies-Bakterien schon nach 48 Stunden Mikroschäden am Zahnschmelz verursachen können, ist eine sorgfältige Hygiene bei Zähnen und Zahnzwischenräumen unbedingt angebracht. Allein 300 Bakterienarten sind bekannt, die die „Fauna“ im Mund eines Menschen ausmachen können. Pflegen Sie Ihren Mund ungenügend, vermehren sich die Bösewichte ungehemmt.

Und das tut die „Mundfauna“ am liebsten zwischen den Zähnen und am Übergang vom Zahn zum Zahnfleisch. Aber auch in den Grübchen, den faszinierenden „Gebirgen“ der Backenzähne, setzen sich Bakterien fest. Wie Zahnmediziner wissen, ist gerade zwischen den Zähnen, wo sich besonders leicht Zahn- und Zahnfleischschäden entwickeln können, der Verbrauch an entsprechenden Hygiene-Hilfsmitteln nach wie vor viel zu niedrig.

Experten schätzen, dass Bundesbürger 3 bis 4 Meter Zahnseide pro Jahr verbrauchen. Zum Vergleich: In den USA werden pro Jahr 14 Meter verbraucht. Angesichts der Tatsache, dass Karies schon nach 48 Stunden Mikroschäden verursachen kann, ist das deutlich zu wenig.

Gefährlich für den ganzen Körper

Aber Mundkeime können nicht nur Karies und Parodontitis auslösen, sondern treten oft auch ausgedehnte Wanderungen durch den menschlichen Körper an und können dabei die Gesundheit erheblich gefährden. Wenn sie über mikroskopisch kleine Verletzungen in die Blutbahn gelangen, treten sie auch Ausflüge in entferntere Körperregionen an. Ausgeschwemmte Oralbakterien wurden schon in Herzkranzgefäßen und auf künstlichen Hüftgelenken, im Sperma, auf Herzklappen und in Hirnabszessen nachgewiesen. Bei ihrer Reise durch den Organismus können sie das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko erhöhen und Lungenentzündungen, Gelenk- und Herzklappenentzündungen verursachen. Sogar als Auslöser von Krebs oder Diabetes sind sie schon länger im Gespräch.

US-Wissenschaftler hegen jetzt einen weiteren schlimmen Verdacht. Die Ergebnisse ihrer Studien legen nahe, dass vagabundierende Mundmikroben auch das Risiko für Frühgeburten erhöhen. Spezialisten für orale Mikrobiologie von der Case Western und der Yale University haben mit modernsten Untersuchungsmethoden Fruchtwasserproben von Schwangeren untersucht, die zwischen April 2004 und Januar 2007 Spezialabteilungen des Yale New Haven Hospitals wegen verfrühter Wehen oder gar Anzeichen für einen vorzeitigen Blasensprung aufgesucht hatten.

Mundkeime im Fruchtwasser

In der normalerweise keimfreien Umgebung der Föten stießen die Wissenschaftler im Fruchtwasser dieser Frauen auf Spuren von insgesamt 15 unterschiedlichen Bakterienarten. Der am häufigsten vorkommende Schädling war dabei "Fusobacterium nucleatum", ein klassischer Mundhöhlenbewohner, von dem zumindest aus Tierversuchen bekannt ist, dass er bei Mäusen über Entzündungsreaktionen der Plazenta vermehrt zu Früh- und Totgeburten führt. "Erreger aus dem Mundraum, die wir bisher nicht auf der Rechnung hatten, könnten bei Frühgeburten eine Schlüsselrolle spielen", vermutet Studienleiterin Han Yiping.

Ob Oralkeime tatsächlich auch beim Menschen solche schwerwiegenden Infektionen der Gebärmutter und des Fruchtwassers auslösen können, ist nach Ansicht von Medizinern jedoch auch mit der jüngsten Untersuchung noch nicht restlos geklärt. Es fehlen noch immer große internationale Studien mit hohen Patientenzahlen. Bisher haben die Forscher mit ihrer Analysetechnik lediglich molekulare Fingerabdrücke der Mundschädlinge nachgewiesen. Auffällig bleibt dennoch, dass viele der Frauen, bei denen die US-Wissenschaftler im Fruchtwasser fündig wurden, ihre Babys weit früher als normal entbunden hatten. Außerdem wurde bei den Neugeborenen oft eine spezielle Form von frühkindlicher Blutvergiftung diagnostiziert.

Ärzte raten deshalb zu erhöhter Wachsamkeit. "Ich empfehle Frauen, ihren Mund so gesund wie möglich zu halten", sagt Oralbakterien-Experte Floyd Dewhirst aus Boston. "Und wenn sie unter Parodontitis leiden, sollten sie sich unbedingt behandeln lassen, bevor sie schwanger werden."

proDente / Der Spiegel